Nadiras Geschichte
© Sabine Ludwigs

„Ruhe!“, Frau Richter klatschte in die Hände: „Seid bitte leiser!“ Das Gemurmel ebbte ab. Nadira wurde noch nervöser, denn bisher hatte sie nur selten einen Text im Literaturkurs vorgetragen. Ihr Puls raste, als sie vor den Mitschülern stand.
Flüstern, Rascheln, gelegentlich ein kurzer Blick in ihre Richtung und dann Frau Richters Frage: „Nadira? Kann es losgehen?“
Sie nickte, obwohl sie vor Aufregung schwitzte. Deswegen klebte der Schnellhefter ein bisschen an den Fingern, als sie ihn aufschlug.
„Meine Geschichte zum Thema Krieg spielt in einem abgelegenen Dorf, mitten auf der Achse des Bösen.“ Nadiras Stimme zitterte, sie musste tief durchatmen, bevor sie fortfahren konnte:
„Ya Fara - meine Maus.
Sie erwachte, als jemand ihre Schulter berührte, und fuhr mit einem leisen Schreckenslaut hoch. „Scht, ya Fara!“ wisperte ihre Mutter. „Sei leise, meine Maus.“
Es war ungewöhnlich dunkel. Nicht nur im Haus, auch draußen. Als wären die Häuser, Ställe und Wege, als wäre das ganze Dorf verschwunden. Alles, was Fara erkennen konnte, war der Schattenriss ihrer Mutter.
„Warum sind die Lichter aus?“, fragte sie bange.
Sie erhielt keine Antwort. Stattdessen zogen ihr kalte Hände die Kleider an und ein dicker Wollumhang wurde fürsorglich um ihre Schultern gelegt.
Unwillkürlich dachte Fara an Vaters Worte: „Weil Allah nicht überall zur gleichen Zeit sein kann, hat er die Mütter erschaffen.“ Aber Vater war fort. Er, und die beiden großen Brüder.
In ihrem Hals saß plötzlich eine große Dattel, die sich nicht hinunterschlucken ließ. Trost suchend streckte sie die Arme aus und berührte das vertraute Gesicht ihrer Mutter. Es war ganz nass. Sie streichelte es.
 „Madar? Warum weinst du?“
„Still“, flüsterte ihre Mutter und streifte ihr hastig die Schuhe über.
„Warum bist du traurig?“, fragte Fara stur und würgte an der fetten Dattel.
„Scht!“ Die goldenen Armreifen ihrer Mutter klirrten leise, als sie ihr eine Hand auf den Mund legte und sie zum Schweigen brachte. Die bebenden Finger rochen nach Reis, Gewürzen und ein bisschen nach Honig.
Fara fühlte das Metall der Armreifen auf der Wange. Sie wusste, dass es fünf Stück waren; je einen für die Eltern, die Brüder und einen für sie. Vater hatte sie Mutter geschenkt, einen nach dem anderen, zur Hochzeit und Geburt der Kinder. Sie legte den Schmuck niemals ab. „Auf diese Weise habe ich meine Familie immer bei mir“, sagte sie manchmal und lächelte dabei ihr stilles Lächeln.
Doch jetzt nicht …
Ohne ein Wort schob sie Fara durch die Hintertür ins Freie. Draußen konnte Fara einen entzückten Ausruf nicht unterdrücken: „Sieh nur; Madar! Da, am Himmel! Viele, viele Sternschnuppen!“ Lachend streckte sie einen Arm danach aus. Selten hatte sie etwas Schöneres gesehen!
Aber ihre Mutter schaute nicht hin. Stattdessen drängte sie Fara gegen die Hauswand und kniete sich neben sie, während sich ihre Lippen unablässig bewegten.
„Warum betest du, Madar?“
Die Sternschnuppen rasten wie ein Schwarm hungriger Heuschrecken über sie hinweg. Weit, weit hinten, wo die Großeltern wohnten, wurde es plötzlich hell. Es donnerte leise. Faras Mutter zerrte sie vorwärts.
„Madar, sag mir, warum wir fort gehen.“
 „Scht!“
Schweigend stolperte sie durch die Nacht. Bis auf das Flackern in der Ferne, konnte sie kaum etwas sehen. Ihre Mutter führte sie durch Finsternis, Kälte und durch die Schatten, von denen sie umgeben waren.
Faras Zähne schlugen aufeinander. „Ich friere“, jammerte sie. „Und ich bin müde.“
„Ya Fara, alles wird gut!“
Aber das stimmte nicht! Sie war hungrig, die Füße taten weh und sie hatte Yasmin, die Puppe, vergessen.
„Wohin gehen wir? Wann sind wir endlich da?“
Madar schaute sie an. Als sie die Hand hob, um ihre Wange zu liebkosen, hörte Fara das tröstliche Klimpern der Armreifen. „Ich weiß es nicht“, sagte sie leise. „Ich weiß es wirklich nicht!“
In diesem Augenblick brach der Donner über ihre Köpfe herein und sie duckten sich in den Eingang eines verlassenen Hauses. Fara schmiegte sich an ihre Mutter, spürte durch den Stoff der Kleider das Pochen ihres Herzens. Es schlug so wild wie ihr eigenes, wenn sie lange gerannt war.
„Madar? Warum klopft dein Herz so schnell?“
Der Donner fraß die Antwort wie ein hungriger Wolf und tat in Faras Ohren weh. Schützend legte sie die Hände darüber, sah Lichter aufzucken und irgendetwas auf den Boden prasseln.
Ihre Mutter zuckte zusammen. Fara blickte auf, blickte in ein Gesicht, in dem die Augen plötzlich groß wurden. Dann hörte sie ein Flüstern in der jähen, unheimlichen Lautlosigkeit: „Ana Bahebik.“
„Ich liebe dich auch. Ana Bahebik, Madar.“
Die Mutter schaute an ihr vorbei, so als hätte sie dort etwas entdeckt, das so bedeutungsvoll war, dass sie alles andere vergaß.
„Ya Fara … meine Maus ...“ Sie streckt eine Hand aus. Die Armreifen klirrten schwach, als sie Faras Stirn berührte; und noch einmal, als ihr Arm herabsank und sie mit geschlossenen Lidern gegen die Mauer sackte.
Fara nahm die Hand und umklammerte sie, so fest sie konnte. „Madar? Schläfst du?“
„Scht.“
„Ich habe Angst, bitte, schlaf jetzt nicht. Bitte nicht!“
„Ntbeh alaa halak, ya Fara. Pass auf dich auf, meine Maus.“
Dann war sie still. So still.
„Madar?“ Fara kuschelte sich an sie. Wie lange sie dort saß, wusste sie nicht, aber als endlich die Sonne aufging, sah sie einen Mann auf sich zukommen. Seine Haare hatten die Farbe von Hirse, die Kleider waren grün und der Helm, den er trug, war beinahe so blau wie der Himmel.
Andere folgten ihm.
Der Fremde warf einen Blick auf Fara und redete in einer Sprache, die sie nicht verstand.
Trotzdem erzählte sie ihm, was geschehen war: dass Mutter mit ihr in die Nacht hinausgegangen war, von den Sternschnuppen, dem Donner, den Schatten …
Sie schluchzte. Warum wachte Madar nicht auf? Fara schüttelte sie; erst sanft, dann kräftiger. Flehentlich schaute sie den Fremden an.
Er schwieg. Dann zog er Madar die schlichten Armreifen ab, streifte sie Fara über das Handgelenk und sagte etwas in seiner Sprache, bevor er sie hochhob und mit ihr davon ging.
„Nein! Laa, laa! Madar!“
Der Mann drückte Fara leicht an sich, wobei er endlich etwas von sich gab, das sie verstand: „Scht!“
Sie schloss die Augen. In ihrem Kopf gab es bloß noch Sand. Schweren, schwarzen Sand, der alles begrub und sie nichts mehr spüren lies. Nur das Gold auf ihrer Haut fühlte sich warm an. So warm, als wäre es lebendig.“

Es läutete zur Pause und Nadira schaute hoch.
Niemand stand auf. Achtzehn Augenpaare waren auf ihr Gesicht gerichtet. Im Klassenzimmer war es so still, dass man die Stimmen aus den Nachbarklassen hörte, und das leise Klirren der fünf goldenen Armreifen, als sie den Hefter zuklappte.