Owen
© Sabine Ludwigs

Das Scheißlamm blökt.
Tag und Nacht stößt es ohne nennenswerten Grund hohe Bähs aus, die selbst einen Stocktauben zusammenzucken lassen würden.
Davon ist Kurt überzeugt.
„Oh!“, macht Rita dann immer liebevoll. „Es hat Angst.“
Sonst noch was?, denkt Kurt. Das Vieh wohnt mit im Haus. Es ist von nichts umgeben als von Ritas Fürsorge, Wärme und dicken Mauern – aber es hat Angst!
Das Scheißlamm ist eine Graue Gehörnte Heidschnucke. Es hat dürre, unbewollte Stockbeinchen und pechschwarze Zottellocken.
Rita findet seine feuchtglänzenden Augen schnuckelig – Kurt bestenfalls belämmert.
Er hasst das Scheißlamm. Aufrichtig und leidenschaftlich. Besonders wenn es blökt. Kurt jedenfalls pfeifen jedes Mal die Ohren davon. Als Berufsmusiker, er spielt Cello, verfügt er über ein empfindliches Gehör. Ein Umstand, den Rita ignoriert.
„Ach, komm schon!“, heißt es. „Es fürchtet sich doch bloß ohne seine Mutter.“ Sie umarmt das Scheißlamm, herzt es, als hätte sie es selbst zur Welt gebracht, und murmelt Trostworte: „Komm zu Mami! Was für ein feines, was für ein drolliges Kerlchen!“
Und das Vieh nuckelt voller Hingabe an ihren Fingern.
Speiübel wird Kurt bei diesem Anblick.
Rita hat dem Scheißlamm den Namen Owen gegeben. „Das kommt aus dem Irischen“, erklärte sie. „Es bedeutet Unschuldslamm.“
Darüber kann Kurt nur lachen! Ein Unschuldslamm, das mit seinem schwarzen Kopf und den sprießenden Hörnern wie der leibhaftige Teufel aussieht!
Einer, der alles vollkackt. Wo es geht und steht, lässt das Vieh Köttel fallen, die wie dunkle Oliven aussehen. Rita jedoch, die sie mit bloßen Händen beiläufig einsammelt, ist durch nichts zu bewegen, das Scheißlamm im Schuppen einzuquartieren.
„Dort würde es sich verlassen fühlen!“, entrüstet sie sich. „Warte nur ab. Wenn es älter ist, wird alles besser.“
„Ja, was erwartest du denn?“, schnaubt Kurt. „Dass es ins Bad trippelt, sich auf die Hinterhufe stellt und die Toilette benutzt? Es ist doch bloß ein dämliches Schaf! Ich will es nicht in meinem Haus haben.“
„Es ist mein Schaf!“, erwidert sie kühl, und ohne dass sie es ausspricht, enthält der Satz den Hinweis, dass es auch ihr Haus ist. „Außerdem ist Owen nicht dämlich!“
Kurt schweigt, verflucht im Stillen ihren Onkel Rudi, einen Schäfer, von dem sie das Scheißlamm bekommen hat. Das Mutterschaf war nach der Geburt verendet. Wahrscheinlich, so vermutet Kurt, als es zum ersten Mal Owens durchdringendes Bäh zu Ohren zu bekam.
Das Scheißlamm kann jedenfalls nichts besser als blöken – dicht gefolgt von fressen, kacken und heimlich aus der Kloschüssel saufen.
Wenn das nicht dämlich ist, denkt Kurt, dann weiß ich es auch nicht.
Eines freilich hat Owen sofort begriffen: was es bedeutet, wenn Rita die Babyflasche mit der warmen Milch hochhält und mäht, als wäre sie ein Heidschnuckenmutterschaf, und bisweilen auch wie eines umhertollt.
Und dann nuckelt Owen und schmatzt und kleckert den Teppich voll.
Rita liebt Owen mit Herz und Seele. Und, falls es überhaupt irgendwelcher Gefühle fähig ist, liebt auch das Lamm Rita grenzenlos.
Später, im Bett, schießt Kurt Owen erbitterte Blicke zu.
Ritas und sein Sexualleben ist praktisch tot, seit Owen in einem riesigen Weidenkorb neben dem Bett ruht und zu Kurt hinaufschaut ... nein, ihn drohend anstarrt, sobald er nur die Hand begehrlich nach Rita ausstreckt.
Kurt sieht es schon kommen: „Eines Tages schnappt er nach mir! Du weißt schon, wohin.“
„Du spinnst doch!“ Rita tippt sich gegen die Stirn. „Aber es könnte Owen verstören, wenn Mami und Papi so seltsame Sachen miteinander machen, nicht wahr, mein Kerlchen?“
Natürlich blökt das Scheißlamm darauf.
Und Kurt könnte schwören, dass es sich schadenfroh anhört.
Als er schließlich schläft, träumt er.
Von Owen. Er liegt in einem Römertopf. Auf Thymian, Lorbeerblättern und Knoblauch gebettet, mit einer Zwiebel im Maul und mit Rotwein übergossen.
Kurt lächelt im Schlaf.

Als er am Morgen Brötchen holen will, ruft Rita ihm nach, dass er eine Flasche Vollmilch mitbringen soll.
Für das Scheißlamm, klar.
Kurt sagt nichts, hat jedoch mit einem Mal ein bestimmtes Bild vor Augen, sodass er nach seinem Einkauf einen Abstecher in den Schuppen unternimmt.
Dort, ganz oben im Regal, steht sie: eine sauber gespülte Milchflasche. Die Flüssigkeit darin glitzert wie Wasser im Sonnenlicht.
Onkel Rudis Rattengift. „Ratzfatz“ nennt er das Gemisch, deren Ingredienzien streng geheim sind. „Hält jeden Schafstall rattenfrei“, behauptete er letzten Winter. „Todsicher!“
Kurt nimmt es und schleicht in die Küche. Er zögert, doch da hört er irgendwo das Scheißlamm blöken und schüttet eine ordentliche Menge von dem Zeug in einen Topf. Es riecht nach nichts. Schnell füllt er Milch nach, kocht alles auf und gießt es in Owens Flasche.
Ratzfatz, muss er dabei denken. Todsicher! Er gluckst in sich hinein und eilt in den Schuppen, um die Flasche – ratzfatz – an ihren Platz zu stellen. Danach geht er zum Haus zurück. Als er die Tür aufschließt, plappert Rita gerade: „Sieh mal, Papi hat schon Milch gekocht. Hoffentlich ist sie nicht zu heiß.“
Dann: „Schmeckt eigenartig. Ob die sauer ist? Mami probiert nochmal!“
Kurt würde schreien, wenn sein Körper nicht vergessen hätte, wie das geht, und sein Verstand nur wüsste, was!
Stattdessen blökt das dämliche Lamm, und sein „Mäh“ hört sich in Kurts Ohren an wie: „Nee!“
In derselben Sekunde erreicht er die Küche und sieht noch, wie Rita die Nuckelflasche absetzt. Alles, was danach passiert, geht wie in Zeitlupe.
Ritas Augen, dunkel und unbedarft wie Schafsaugen, sind auf Kurt gerichtet. Sie schwankt, als wäre sie angetrunken, und stellt mit einer unsicheren Bewegung die Babyflasche mit der Ratzfatzmilch auf den Tisch.
Ihr Mund öffnet sich weit und stanzt ein verzerrtes O in ihr Gesicht.
Sie gibt pfeifende Atemgeräusche von sich, als säße etwas in ihrer Luftröhre fest, eine Knöchelchen vielleicht.
Das allein ist schon grauenhaft genug – aber noch entsetzlicher ist ihre Haut, die erst weiß, dann rot und schließlich violett anläuft.
Jetzt geht sie in die Knie und kippt langsam vornüber.
„Arrghh“, gurgelt Kurt bei dem Anblick.
Er schüttelt sie, tätschelt das pflaumenfarbene Gesicht, brüllt: „Nein! O Gott, das nicht! Rita, du musst es ausbrechen!“
Er bohrt seine Finger in ihren Mund, den Hals, vorbei an dem Zäpfchen, so tief es geht.
Und das Lamm blökt und blökt.
Bis es, ganz plötzlich, verstummt.

Obwohl es in der Küche warm ist, kommt Kurt die Luft eisig vor. Zitternd starrt er die Babyflasche an, Owen, Ritas Gesicht und erkennt nichts davon.
„Ratzfatz. Todsicher!“, flüstert es in seinem Kopf. Und irgendwer kichert irre.
Er steht auf, taumelt ins Bad. Dort reißt er den transparenten Duschvorhang mit den weißen und blauen Schäfchenwolken herunter, um Rita darin einzuwickeln. Er hofft, dass sie dadurch weniger wie eine Tote aussieht. Irgendwie unkenntlicher.
Das ist nicht der Fall. Sie sieht leider ganz genauso aus wie eine in einen Vinylduschvorhang eingewickelte Leiche. Wenigstens ihre Augen sind hinter Wölkchen verborgen.
Er schafft die Leiche in die Garage, verstaut sie im Kofferraum und fährt Richtung Westen, dahin, wo die Wälder dichter und die Gegend felsiger wird.

Am Ziel angekommen, sitzt er lange Zeit einfach hinter dem Steuer, aber dann macht er sich doch an die Arbeit.
Es kostet unglaublich viel Kraft und Geschicklichkeit, den steif werdenden Körper aus dem Kofferraum zu hieven und den Hügel aus Vulkangestein hinaufzuschleppen. Kurt ächzt. Immerhin, überlegt er, hinterlässt man hier keine Spuren.
Er kennt die Umgebung gut. Es ist ja nicht weit von ihrem Haus entfernt, etwa zwanzig Minuten Fußweg. Rita und er sind oft hier spazieren gegangen und das Scheißlamm zockelte hinter ihnen her. Blökend, versteht sich.
Daher weiß er, dass sich hier an der höchsten Stelle eine Spalte bodenlos tief durch den Basalt bohrt.
Der Wind zerrt an Kurts Kleidern, als wollte er ihn daran hindern, den Leichnam über den Rand zu stoßen.
Er tut es trotzdem und fühlt sich dabei eigenartig beobachtet, wie wenn ihn jemand belauert.
Beim Sturz in die Tiefe schlägt Ritas Körper gegen die Steilwände. Kurt hält sich die Ohren zu, um das Geräusch nicht hören zu müssen. Bevor er sich abwendet, überlegt er, ein paar angemessene Worte zu sagen.
Aber ihm fällt nichts Passendes ein.

Auf dem Heimweg versucht er sich vorzustellen, dass Rita ihn verlassen haben könnte. Genau! Sie ist einfach nicht nach Hause gekommen.
Diese Geschichte tischt er auch der Polizei auf, als er Rita vermisst meldet. Und natürlich Onkel Rudi. Kurt ahnt, dass der Schäfer ihm nicht glaubt, aber wenigstens nimmt er das dämliche Scheißlamm mit.

Einige Wochen später macht Kurt sich noch einmal auf den Weg zu den Basaltfelsen. Warum, weiß er selbst nicht.
Als er an den Abgrund kommt, findet er ihn genauso vor, wie er ihn zurückgelassen hat.
Was hast du sonst erwartet?, fragt er sich.
Da hört er es.
Schritte.
Kurt fährt herum und erstarrt.
Vor ihm steht – das Scheißlamm. Kein Zweifel, diese feuchtglänzenden Augen erkennt er auf Anhieb. Auch das Blöken, klar.
Schlagartig fällt ihm auf, wie groß das Biest geworden ist. Und wie kräftig. Die pechschwarzen Locken sind einer üppigen, hellgrauen Wolle gewichen. Außerdem sieht es kein bisschen dämlich aus.
Im Gegenteil.
Ein Riesenbock, stellt Kurt fest. Nein; ein schlauer Riesenbock.
Owen stürmt los, den Schädel gesenkt, die Schneckenhörner in Positur.
Kurt schafft es nicht, rechtzeitig beiseitezuspringen. Owen erwischt ihn voll. Es fühlt sich an, als schlüge eine Faust voller Wucht in seinen Unterleib.
Kurt fällt.
Für einen Sekundenbruchteil scheint er in der Luft zu hängen, sieht Owens Kopf über den Rand schauen.
Der Scheißbock blökt.
Es hört sich an, als würde er lachen.