- Hochzeitstag
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Am Morgen, noch halb im Traum, hat Ellen hat den vertrauten Geruch brennender Buchenholzscheite in der Nase - und für wenige Augenblicke lässt sich ihre Seele täuschen.
Sie steigt aus dem Bett.
„Georg“, denkt sie und räkelt sich genüsslich unter der Decke. „Er hat schon Feuer im Kamin gemacht.“Ein kurzer Blick aus dem Fenster lässt sie frösteln. Es schneit! Wie ein Schwarm weißer Motten taumeln die Flocken durch die Luft.
Barfuß, nur im Nachthemd, geht sie über den Korridor und die Treppe nach unten.
„Georg wird nörgeln, weil ich keine Hausschuhe anhabe“, denkt sie und lächelt.
Das Lächeln fühlt sich eigenartig an. So, als wäre es zerbrochen und jemand hätte versucht, es wieder zusammensetzten; ihr Lächeln ist nicht mehr ganz heil.
Es tut weh.
Sie lächelt trotzdem.
Kein Kaffeegeruch liegt in der Luft und aus dem Wohnzimmer dringt weder ein Lichtschimmer noch das Prasseln eines Kaminfeuers. Es ist dämmrig und so still, dass Ellen meint, das Flüstern der Schneeflocken zu hören, und dann ruft sie nach ihm. Sie will es gar nicht tun, weil irgendetwas in ihr Angst vor dem hat, was dann geschieht, aber es kommt einfach aus heraus: „Georg?“ Und dann noch einmal: „Georg!“
Keine Antwort.
Nichts!
Ihre Hand fährt zum Mund, schafft es jedoch nicht, den Klagelaut aufzufangen.
Es trifft sie mit solcher Wucht, dass sie taumelt.
Georg. Ist. Tot.
Deshalb liegt das Wohnzimmer so verlassen da wie alle anderen Zimmer im Haus. Natürlich brennt kein Feuer im Kamin und Georg sitzt nicht auf der Couch oder steht an der Terrassentür und schaut nach draußen, besorgt, dass der Schnee mit seinem Gewicht einen der Rosenstöcke brechen könnte.
Heute ist Georg, ihr Georg, acht Monate tot – und heute wäre ihr Hochzeitstag gewesen.Jedes Jahr hatte er ihr eine einzelne Rose geschenkt – eine dunkelrote „Gladys“, die er extra im Blumenladen bestellen musste.
Der lange, schlanke Stängel war mit Dornen überzogen und Ellen musste die Rose überaus behutsam nehmen, damit sie sich nicht stach.
Sie erinnerte sich, dass sich an ihrem ersten Hochzeitstag ein Dorn tief ihren Daumen gebohrt hatte.
Damals schrie sie auf und wollte die Rose von sich schleudern, doch Georg hielt ihre Hand fest.
Er hatte ihren blutenden Daumen in seinen Mund genommen und daran gesaugt. „Eine Rose“, sagte er undeutlich, „will mit Bedacht und Aufmerksamkeit behandelt werden, Ellen ... genau wie eine Ehe.“ Und er grinste.
Langsam geht sie zur Terrassentür, zieht die Vorhänge zurück und schaut hinaus.
Es schneit nicht mehr, aber alles ist weiß. Die Äste und Zweige biegen sich unter der Last, aber keiner ist gebrochen und in der fahlen Februarsonne glitzert der Schnee.
Ellen will sich eben abwenden und die Gardinen wieder zuziehen, da sieht sie es: Da draußen ... da draußen ist ein farbiger Klecks. Etwa faustgroß und von tiefem Purpur, scheint er in der gleißenden Luft zu schweben.
Sie blinzelt und geht näher an die Scheibe, presst die Stirn gegen die eisige, glatte Oberfläche, um besser sehen zu können. Doch das Fenster beschlägt.
Ungeduldig wischt sie mit dem Ärmel über das Glas und irgendwie verschmiert es dadurch noch mehr.
Ellen öffnet die Terrassentür.
Draußen ist es windstill und klirrend kalt. Sie schaut in die Richtung, in der sie das Leuchten gesehen hat - und dann weiß sie plötzlich, was es ist.
Sie keucht.
Wie in Trance geht sie barfuß über die verschneite Wiese, erst langsam, dann schneller, bis sie rennt. Schnee wirbelt auf, aber sie spürt weder die eisige Kälte noch, dass der Saum ihr langen Nachthemdes durchnässt, spürt nichts, gar nichts, nur, dass ihr schmerzhaft pochendes Herz irgendwie von ihrem Brustkorb in den Hals geklettert ist.
Endlich hat sie die Stelle erreicht, an der an einem Wintermorgen an einem zugeschneiten Rosenstrauch eine einzelne Rose blüht.
Vorsichtig streckt sie die Hand aus, die rechte, an der sie noch immer den Ring trägt, und berührt die samtigen Blütenblätter.
Sie fühlen sich warm an, so warm wie Georgs Hand.
Ellen lächelt.
Georg hatte nie einen Hochzeitstag vergessen.BISHER UNVERÖFFENTLICHT.
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