- Der letzte Gast
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„Armer Kerl“, dachte Tessa und musterte den Mann im dunklen Anzug.
Für acht Uhr hatte er einen Tisch reserviert. Seitdem saß er in der hintersten Nische und schaute dauernd auf die Uhr. Wenn die Tür aufging, blickte er erwartungsvoll auf, nur um sich enttäuscht wieder abzuwenden. Zweimal nahm er sein Handy und versuchte vergebens jemanden zu erreichen.
Um kurz vor halb zehn winkte er Tessa mit einem schiefen Grinsen heran. „Tja, meine Verabredung scheint nicht mehr zu kommen“ sagte er mit einem schiefen Grinsen. „Aber die Speisekarte können Sie mir trotzdem bringen.“Seine Wahl war ausgezeichnet: Kleines Ragout von Venusmuscheln, Kalbsfilet an Estragonschaum mit Herzoginkartoffeln und Frühlingsgemüse. Zum Abschluss Pfirsich Melba.
Sie deutete mit dem Kopf in Richtung Speiseraum. „Er kann sein Dessert noch verdrücken und dann ist Schluss für heute.“
Als Tessa ihm das Muschelragout auftrug und das Körbchen mit dem ofenfrischen Weißbrot neben den Teller stellte, zwinkerte er ihr zu.
Sie schaute weg, aber später, als sie abräumte und für den nächsten Gang eindeckte, konnte sie beinahe körperlich spüren, dass er jede ihrer Bewegungen beobachtete.
Es gab keinen Zweifel: sie gefiel ihm! Und plötzlich war sie gerne zu mager, zu blond, zu blass und fühlte sich, als hätte sie reichlich Champagner getrunken.
Aufgekratzt trug sie das Geschirr in die Küche und stellte es mit einem Klirren ab. Außer ihr war von den Angestellten nur noch der Koch da und räumte die letzten Kleinigkeiten auf.
„Feierabend, Rudi!“, rief sie. „Ich mache jetzt die Rechnung fertig.“
Rudi verabschiedete sich mit einem gemurmelten Bedauern, weil seine Chefin wieder einmal wegen eines Gastes zurückbleiben musste.Doch sie lächelte nur, als sie hinter ihm abschloss.
Diesmal machte es ihr nichts aus.
Rein gar nichts.Der Mann zahlte mit seiner Kreditkarte. Van der Burg, stand darauf, Martin van der Burg. „Ein schöner Name“, fand sie und brachte sie ihm an den Tisch zurück.
Er aß von seiner Nachspeise, als hätte er alle Zeit der Welt, fixierte Tessa dabei, berührte sie mit jedem Blick. Sie hörte ihrer beider Atemzüge überdeutlich. Ein bisschen zu laut, ein bisschen zu schnell, aber im Gleichklang.Sie ging näher zu ihm, der Stoff ihres Rockes streifte seinen Arm.
Langsam, ganz langsam, schob er seinen Stuhl zurück, stand auf und strich mit einer Fingerspitze über ihre Lippen. Er zeichnete sie nach, zog seine Hand zurück und küsste dann seinen Finger.
Ihr Atem ging schneller und das Herz schlug hart und unbeherrscht gegen die Rippen, als er sie an sich zog. Im nächsten Augenblick lagen sie unter dem Tisch, sie auf dem Rücken, Martin über sich, Mund an Mund.
Das Dessertglas fiel um. Himbeersirup tropfte dick und träge neben ihren Kopf auf die Marmorfliesen. Die Knöpfe ihrer zerrissenen Bluse lagen wie verstreute Perlen zwischen den anderen Kleidungsstücken.
Er war hart, er war tief, er war überall und Tessa hob sich ihm ungestüm entgegen – doch auf einmal, völlig unerwartet, hielt er inne.
„Halt still“, murmelte er drängend an ihrem Ohr. „Halt still.“
Tessa verharrte mit hämmerndem Puls.
„Ruhig“, presste er hervor. „Bitte beweg dich nicht. Lieg einfach nur da ...
reglos ... reglos ... REGLOS!“
Erst dann nahm er seinen Rhythmus wieder auf. Sie sog unwillkürlich die Luft ein.
„Still!“, raunte er. „Lass mich nur machen ... Lass ...mich ... nur ... machen.“
Für vier, fünf Sekunden hörte man noch ihr Keuchen - danach war sie ganz ruhig.
Atemlos.
Wortlos.
Bewegungslos.
Die marmorne Kälte der Fliesen kroch über Tessas Haut und vertrieb allmählich die Wärme aus ihrem Körper. Sie ahnte, dass ihre Lippen einen Blaustich hatten.
Wie warme Schalen lagen seine Hände auf ihren kühlen Brüsten, bevor seine Finger sich über den Hals zu ihrem Gesicht tasteten.
Er drückte ihre Augen zu und breitete ihr helles Haar aus, drapierte es um ihr Gesicht. Er nahm ihre Arme, spreizte sie seitwärts und legte sie dann über ihrem Kopf zusammen. Er schob ihr rechtes Bein hoch, zog es unsanft wieder zurück, befühlte jede Stelle, jede Falte ihres bleichen, kalten Körpers. Er spielte mit ihren hageren Gliedern, als wäre sie eine Puppe, betastete sie, selbstvergessen und manchmal ein wenig grob.
Tessa blieb stumm. Äußerlich kalt wie ein Steinengel, doch in ihrem Innern glühend, ließ sie alles geschehen.
Irgendwann fühlte sie die Kälte nicht mehr und die Zeit hatte ihre Bedeutung verloren.
Als sie zum Höhepunkt kamen, erstickte er Tessas Stöhnen mit rauen Händen. „Scht!“, zischte er. „Scht! Scht!“ Er hörte erst auf, als sie mit weit aufgerissenen Augen wie erstarrt unter ihm lag.
Behutsam schloss er ihr die Lider und rollte sich neben sie.
Irgendwann im Morgengrauen erwachte Tessa, steif und frierend. Ihr Rücken war wund, jeder Knochen im Leib tat ihr weh.
Er war fort. Wie ein Traum. Nur eine weiße Rose aus dem Tischgesteck lag auf ihrem nackten Bauch. Unter dem Tisch, neben den blutroten Himbeerflecken, entdeckte sie seine Weste.
Tessa schüttelte über sich selbst den Kopf. Sie lachte leise, als sie die Sachen aufsammelte und die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufstieg. Sie lachte ... bis ein gefaltetes Blatt Papier aus der Westentasche flatterte, direkt vor ihre Füße.
Neugierig hob sie es auf.
Es war eine Vorladung der hiesigen Polizeidienststelle, adressiert an Martin van der Burg.Sehr geehrter Herr van der Burg!
In einer hier vorliegenden Strafsache/Ordnungswidrigkeit wg. § 168 StGB. (Störung der Totenruhe) werden Sie gebeten sich am 22. Februar in der Zeit von 13.00 Uhr bis 13.45 Uhr auf Zimmer 12, Stockwerk I, bei der o. g. Polizeidienststelle unter Vorzeigen dieser Vorladung einzufinden ...
22. Februar.
Das war gestern gewesen.
Martin sollte nicht als Betroffener vernommen, oder als Zeuge angehört werden - sondern als Beschuldigter.
„Störung der Totenruhe“, arbeitete es in Tessas Verstand, während seine Stimme irgendwo in ihrem Kopf wisperte: „Beweg dich nicht. Lieg einfach nur da ... reglos ... reglos ... REGLOS!“
Tessas Augen weiteten sich. „O Gott!“
Sie spürte seine Hände, die ihr die Lider zudrückten, ihr den Mund verschlossen und hörte ihn zischen:„Halt still! Scht, scht!“.
Für einen Moment wurde ihr so kalt, als läge sie wieder auf den Marmorfliesen:
Atemlos.
Wortlos.
Bewegungslos.
Wie tot.