- Drei Minuten
-
Zum ersten Mal begegnen wir uns auf einer Lesung mit einer Handvoll anderer Autoren. Er schreibt Erotik, ich Krimis. Aus irgendeinem Grunde lassen sich beide Genres blendend miteinander verbinden.
Banal zu sagen, dass er mir sofort auffällt, banal zu erwähnen, dass ich bemerke, ihm geht es ebenso.
Und umgekehrt.
Banal - und kaum der Tinte wert es niederzuschreiben – aber die Wahrheit.
Zu Anfang schauen wir uns nur länger in die Augen als üblich. Dann atme ich plötzlich anders. Intensiver, bewusster und ganz tief. Es ist nicht mehr mein Brustkorb, der sich hebt und senkt, sondern mein Busen.
Die Luft prickelt über meine Haut wie ein warmes Sprudelbad und ja, in meinem Bauch kribbelt es: Die berühmten Schmetterlinge flattern, doch ihre vermeintlichen Flügel sind in Wahrheit nichts anderes, als die ausgebreiteten Schwingen meiner Seele.
Der Abend ist lang, die Luft erfüllt von seiner Stimme und seinem Lachen. Seine Blicke zwängen sich unaufhörlich durch die Menschen und finden meine.
Natürlich senke ich die Lider, wende mich ab, plaudere mit anderen. Ich gebe mich unbeteiligt und locker. Denn ich bin verheiratet. Ich habe eine Tochter von acht und einen Sohn von fünf Jahren. Den Hund. Das Haus. Und ... und ... und ich rücke nicht weg, als er sich neben mich setzt.
Unsere bloßen Arme berühren sich. Die feinen Härchen auf meiner Haut richten sich auf, wie unter einem unsichtbaren Kraftfeld.
Seine auch.
Ich kann nicht begreifen, warum niemanden auffällt, dass wir kein Wort miteinander wechseln - unsere Körper dagegen ganze Dialoge führen.
Er erzählt irgendjemandem, was er eigentlich mir sagen will: Lebensgefährtin, feste Beziehung, ein kleiner Sohn.
Ich antworte ihm auf die gleiche Art.
Aber das Flattern im Bauch hört nicht auf, denn eine Seele schert sich nicht um Konventionen.
Als ich mich verabschiede, ist er fort. Es gibt mir einen Stich, spitz und fein, wie durch eine lange, stählerne Nadel.
Ich biege um die Hausecke auf den Parklatz und er wartet in den Schatten neben dem wilden Jasmin. Ich muss ihn nicht bemerken, kann vorbeigehen, ohne, dass einer von uns sein Gesicht verliert.
Doch da spreizt meine Seele ihre Flügel, weit, weit und trägt mich zu ihm.
Stumm mustern wir uns und stehen so nah beieinander, dass einer den Atem des anderen im Gesicht spürt.
Irgendwann sagt er: „Küss mich. Wenn du dich traust. Du hast drei Minuten mich zu küssen. Und ich meine richtig zu küssen. Langsam anfangen, es stärker werden lassen, auf den Gipfel bringen ... bis es mich quält.“
Ich kann nicht atmen, weil das Sprudelbad über mir zusammenschlägt. Es wird still, dunkel, ich gehe unter und es ist genau das, was ich will.
Er streckt seine Hände aus, umfasst mein Gesicht und zieht mich zu sich. Brust an Brust stehen wir da. Ich weiß nicht, welches Herz mir schmerzhafter gegen die Rippen schlägt: meines oder seines.
Wir schließen die Augen nicht, sehen uns an, die ganze Zeit.
Da ist ein sanfter Hauch aus seinem Mund, der über meinen streicht. Mit der Zungenspitze zeichnet er die Konturen meiner Lippen nach und die feuchte Spur, die zurückbleibt, prickelt auf der empfindsamen Haut.
Ich sauge an seiner Oberlippe, lecke darüber, koste ihn. Er schmeckt herb und süß zugleich. Zartbitter.
Seine Mundhöhle schiebt sich über meinen Mund, unsere Zähne berühren sich flüchtig, es gibt ein leises Geräusch, als würden Perlen sacht aneinander schlagen, dann schiebt sich seine Zunge dazwischen.
Er leckt meine Zunge mit seiner, lutscht, beisst und küsst. Ich tue das gleiche: ich lutsche, beiße und küsse. Und ich mache es richtig – drei Minuten lang.
Seine Augen sind dunkel.
„Ein Glück“, raunt er heiser. Mir ist klar, was er meint.
Ein Glück, dass wir auf einem Parkplatz sind ... hier können wie einander nicht verfallen.
Ich gehe, ohne mich umzuschauen. Mein Körper ist eine einzige erogene Zone, mein Verstand ein Nebel, die Knie zu weich, unsicher mein Schritt.
„Du“, sagt er da in meinem Rücken.
Ich drehe mich nicht um, bleibe jedoch stehen und höre ihm zu.
„Wenn wir uns wieder begegnen, irgendwo und egal was ist: Drei Minuten gehören mir.“
Meinen Lippen schwellen. Der Pulsschlag verdoppelt sich und meine Stimme würde zittern, wenn ich etwas erwiderte.
Deswegen setze ich meinen Weg schweigend fort.
„Drei Minuten“, flüstert es in mir. „Drei Minuten.“
Ich weiß, dass er weiß, dass es so sein wird.
Meine Seele hat es mir gesagt.