Objekt der Begierde-
Als ich sie in meinem letzten Italienurlaub sah wusste ich: die – oder keine! Ich musste sie einfach besitzen!
Sie hieß Rosalinda, stammte aus Celano und war eine Schönheit. Ich fand ihre Formen perfekt; oben herum zierlich, ein schlanker Hals, der in leicht abfallende Schultern überging, entzückende Wirbel. Unten herum war sie üppiger gebaut. Mir gefiel das. Es waren gerade ihre Kurven, die mich um den Verstand brachten!
Wenn ich nackt neben ihr im Bett lag, ihren dunklen Leib liebkoste, meine Sehnsucht stillte und ihren leisen Tönen lauschte, dann wusste ich, dass ich Rosalinda aus tiefstem Herzen liebte.
Kurz: Sie hatte sämtliche Attribute, um mich unendlich glücklich zu machen. Das war der Grund, warum ich sie mit nach Deutschland nahm.
Und ich fühlte mich zufrieden, wenn sie bei mir in der Küche war und ich am Frühstückstisch saß, meinen Kaffee trank und dabei die Zeitung las. Wie herrlich, wenn ich abends von der Arbeit heimkehrte und mit ihr beim Fernsehen auf der Couch lag oder ihr erzählte, wie mein Tag gewesen war. Ich konnte mit Rosalinda über alles sprechen, egal, wie abstrus es sich anhörte.
Genau das versuchte ich Ron, meinem besten Freund, vor einigen Tagen zu erklären.
Nach einem Saufgelage - Ron hatte seinen Kummer über einen Ehekrach mit Uta in Alkohol ertränkt - nahm ich ihn mit und überließ ihm meine Couch als Nachtlager.
Ich selbst ging sehnsuchtsvoll ins Schlafzimmer und da lag sie, meine Rosalinda. Wortlos kroch ich zu ihr unter die Decke. Ich streichelte sie überall, bekam nicht genug von diesem makellosen Körper. Meine Hände glitten über sie, ergötzten sich an ihr, ertasteten jeden vertrauten Zentimeter, selbst die kleinsten Unebenheiten.
Würde ich von einem Tag auf den anderen erblinden, ich könnte Rosalinda mit meinen Fingerspitzen erkennen und ihr Bild vor meinem geistigen Auge erstehen lassen.
Oder ihr Duft! Er war unauslöschlich in mein Gedächtnis gebrannt und wehte durch dir ganze Wohnung: ein leichter Hauch von Pinienöl.
Ich zog sie enger an mich. Genussvoll knabberte ich an ihr, stöhnte und war gerade leidenschaftlich bei der Sache, als die Tür aufgerissen wurde und ein Lichtstrahl auf das Bett fiel.
Mitten in der Hüftbewegung hielt ich inne.
Was Ron wollte, erfuhr ich nie. Jedenfalls stand er plötzlich im Rahmen und gaffte. Am liebsten hätte ich mich in Luft aufgelöst, stattdessen sprang ich aus dem Bett und rief: „Darf ich vorstellen? Das ist Rosalinda!“
„Ba… “, stammelte Ron. „Bassgeige. Das …“
„Sie!“ korrigierte ich ihn.
Er nickte ein paar Mal, als könnte er so seine Gedanken sortieren.
„Also gut, Freddy ... sie ist eine Bassgeige.“
„Ich weiß, dass sie eine Bassgeige ist. Eine wunderschöne sogar, nicht wahr?“ Es missfiel mir, dass Rosalinda so entblößt Rons Blicken preisgegeben war. Ich ging hin und zog die Bettdecke bis zu ihrer Taille hoch.
„Außerdem liebe ich sie!“ Mit diesen Worten schlüpfte ich in meinen Morgenmantel.
„Das habe ich gesehen.“ Ron stand da, als hinge er an Fäden. Wie eine Marionette schwankte er leicht vor und zurück, was ich auf den Promillegehalt in seinem Blut zurückführte.
„Sag mal, Freddy, bist du, ich meine, was ich fragen will, ist Folgendes … Also … sie … ich … bist du pervers?“
Ich mochte es nicht, dass er so vor Rosalinda sprach, denn sie war eine sensible Bassgeige und so rüde Töne nicht gewöhnt. Deshalb zerrte ich ihn ins Wohnzimmer.
„Seltsam, ungewöhnlich – ja! Pervers? Nein, ich bin kein bisschen pervers, und um eines klarzustellen: Ich leide weder, noch wünsche ich eine Behandlung durch irgendeinen Seelenklempner, ist das klar?“
„Iss klar.“ Er blinzelte ein paar Mal verwirrt. „Was, in Gottes Namen, ist dann mit dir los?“
Ich stand auf, kramte ein Blatt aus meiner Schreibtischschublade und legte es vor ihn hin.
„Genau das Gleiche habe ich mich auch gefragt. Ich wollte wissen, was in Gottes Namen, mitmirlosist!“ Ich setzte mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft. „Ob es noch andere Menschen wie mich gibt. Also googelte ich und es dauerte nicht lange, bis ich eine Antwort fand. Die kürzeste liegt vor dir. Lies.“
Objektsexualität oder Objektophilie bezeichnet eine sexuelle Orientierung, die auf Gegenstände, etwa Maschinen oder Autos, gerichtet ist. Diese Variante der menschlichen Sexualität ist extrem selten. Vom Fetischismus unterscheidet sie sich dadurch, dass das Objekt von einem Objektophilen als eigenständiges, im Grunde genommen personelles Gegenüber betrachtet und als sexuell anziehend empfunden wird …
Ron warf mir einen fragenden Blick zu.
„Und mir hat es die Bassgeige angetan.“
„Aber du spielst doch überhaupt nicht Bassgeige! Du spielst gar kein Instrument, ich glaube, du kannst nicht mal Noten lesen!“
„Was hat das damit zu tun?“, fragte ich verständnislos. „Du schreibst nicht, du liest nicht einmal gern und bist trotzdem mit einer Autorin verheiratet.“
„Aber Uta ist ein Mensch. Sie redet mit mir und erwidert meine Zärtlichkeiten. Gut, manchmal streiten wir uns, aber wenn ich sie brauche, ist sie da. Außerdem kocht sie ausgezeichnet und sieht toll aus. Das sind gute Gründe sie zu lieben, finde ich.“
„Ach ja? Nun, ich bin eben verschossen in Rosalinda! Wenn ich an sie denke, dann bin ich von den Zehenspitzen bis unter die Schädeldecke randvoll mit zärtlichen Gefühlen.“
„Freddy, sie ist bloß ein toter Gegenstand. Ihr könnt nicht mal miteinander ausgehen. Kein Kino, kein Italiener, auch kein gemeinsames Bad.“
„Na und? Wir schaden doch niemandem! Was zählt ist einzig und allein, dass ich glücklich mit ihr bin.“
Ron hielt sich mit beiden Händen den Schädel, als könnte er platzen. „Ich glaube, ich würde jetzt gerne schlafen.“
Als ich am Morgen ins Wohnzimmer kam, war er fort. Decke und Kissen lagen ordentlich gefaltet auf dem Tisch. Ein Zettel lag obenauf geheftet: Freddy! Musste nach Hause. Bin aber für dich da. Immer. Ich hoffe, du bist weiterhin glücklich mit Rosalinda.
Und das war ich.
Bis zu dem Tag, an dem die Sache mit Angelina passierte und mich in einen Konflikt stürzte.Wenn ich an Angelina dachte, breitete sich sofort mein schlechtes Gewissen aus. Es fühlte sich heiß und flüssig an. Ich kam mir vor wie eine Wärmeflasche, in die man zuviel Wasser gegossen hatte. Ich musste mit jemanden reden, sonst würde ich platzen.
Also rief ich Ron an und wir trafen uns in unserer Stammkneipe. Ehe sich die Verlegenheit vertiefen konnte, kam ich auf den Punkt:
„Die Sache ist die, Ron. Ich habe Rosalinda betrogen.“
„Wie meinst du das?“
„Ein Seitensprung! Es geschah ganz spontan. Im Jazzclub an der Gartenstraße, Joe King Oliver, du kennst den Laden! Ich wollte eigentlich nur zur Toilette und ging an den Aufenthaltsräumen der Bands vorbei – und da stand sie! Ganz allein. Direkt neben dem Getränkeautomaten. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet mir so was passiert? Aber sie hat mir einfach den Kopf verdreht! Ehe ich richtig begriff, wie mir geschah, hatten wir uns schon in einer Toilettenkabine eingeschlossen.“ Ich kicherte. „Ein Quickie mit einer Jazzlady! Mein erster! Und nun geht sie mir nicht mehr aus den Kopf. Ich weiß nicht, was ich tun soll.“
„Wegen … wegen Rosalinda?“
Ich nickte. „Einerseits ist Angelina zauberhaft. Ich habe die Zeit mit ihr genossen. Es war ganz anders als mit Rosalinda. Andrerseits habe ich ein schlechtes Gewissen und sitze irgendwie zwischen zwei Stühlen.“
Ron räusperte sich. „Ist, ähem, verstehe mich nicht falsch, aber ist Angelina … eine Bassgeige?“
„Nein, ist sie nicht!“
„Oh!“ Ron lächelte erleichtert. „Gut!“
„Ein Violoncello.“
Das Lächeln erstarb.
„Ihre Schultern sind runder als Rosalindas. Sie ist kleiner und zierlicher gebaut. Ihr Corpus ist aus honigfarben lackiertem Fichtenholz - wenn ich nur daran denke, kribbelt es in meinen Fingerspitzen. Du müsstest ihre Formen sehen. Unwiderstehlich! Ihr Klang ist nicht so volltönend wie Rosalindas, aber auch wunderschön!“
„Was?!“, donnerte Ron.
„Ein Violoncello. Ihre …“
„Ich habe dich gehört! Willst du damit sagen, dass du deine Bassgeige mit einem Cello betrogen hast?“
„Ja. Und es war wundervoll. In rein sexueller Hinsicht. Ihr F-Loch ist …“
„Bitte!“, blökte er so laut, dass zwei Männer am Tresen sich umdrehten und neugierig zu uns herüberschauten. „Keine Details“, zischte er mit roten Ohren. „Und was willst du jetzt von mir? Brauchst du ein Alibi?“ Er lachte, ein wenig zu laut für mein Empfinden, und zündete sich eine Zigarette an.
„Ich finde das nicht lustig, Ron. Ich wollte mir die Sache einfach von der Seele reden. Seit einem Jahr bin ich mit Rosalinda zusammen. Ich war ihr immer treu.“
„Tut mir Leid“, nuschelte Ron.
„Jetzt, wo ich mit dir darüber rede, ist mir klar geworden, was es mit Angelina von Anfang an war: Nur Sex. Rein, raus – aus die Maus.“
Ron schwieg und stieß blaue Qualmringe zwischen den Lippen hervor. Wenn sie sich verflüchtigten, konnte ich deutlich Herzchen erkennen.
„Weißt du, das mit Rosalinda ist etwas Besonderes. Das mit uns ging so tief rein, das kann nie zu Ende sein, so was Großes geht nicht einfach so vorbei, sang Udo Lindenberg mal. Man könnte fast meinen, dass er dabei Rosalinda und mich im Sinn hatte.“
Ich spürte, dass ich lächelte.
„Lass uns zahlen, Ron. Ich will heim.“
Auf dem Weg nach draußen kamen wir an der kleinen Bühne vorbei. Die Armstrong-Revival Band hatte ihren Auftritt. Und da stand Angelina. Es gab mir einen Stich, als ich sie so sah: Aufrecht auf ihrem anmutigen Stachel, zwischen den Beinen eines großen Mannes, der sie voller Hingabe bearbeitete. Ihr honigfarbenes Holz schimmerte verführerisch und ihre Saiten vibrierten, als der Bogen kosend darüber fuhr.
Alle anderen mochten nur Musik hören. Töne. Doch für mich war es, als wenn sie zu mir spräche.
Liebesgeflüster …